Reisen während der Corona Pandemie – Unser Tagebuch

Reisen während der Corona Pandemie – Unser Tagebuch
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In Tagebuch-Form wollen wir euch hier ein bisschen näher mitnehmen. Welche Gedanken machen wir uns, während Deutschland versucht, das Virus in den Griff zu bekommen? Wie erleben wir den Umgang mit Corona in Vietnam? Wie sieht unser Alltag hier aus?

Wir freuen uns sehr, wenn ihr uns begleitet. Wie lange diese Reise noch geht steht in den Sternen. Vielleicht sind wir in ein paar Tagen wieder in Deutschland. Vielleicht können wir sehr lange nicht zurück nach Deutschland. Es ist alles offen, ihr dürft uns begleiten. Gerne auch per Instagram oder Facebook. Bleibt gesund! Bleibt zu Hause!

Eintrag vom 23.03.2020:

Die ersten 50 Tage auf Reisen

Wir haben unser Haus verkauft, die Jobs hinter uns gelassen und uns auf in die weite Welt gemacht. Wir wollten raus aus dem Alltag und fremde Kulturen kennenlernen. Wir wollten frei sein. Ohne Verpflichtungen. Dort bleiben wo es uns gefällt und weiterziehen, wenn wir anfangen kribbelig zu werden. Ganze 7 Wochen hat das funktioniert. 7 unglaubliche Wochen sind wir durch Thailand und Laos nach Vietnam gereist. Dann hat eine Pandemie die ganze Welt lahm gelegt…

Das Thema Coronavirus gab es schon zu Beginn unserer Reise. Damals verabschiedeten uns viele mit „Aber nicht nach China reisen!“ und einem zwinkern. Wer hätte gedacht, dass das diese Ausmaße annimmt? In Vietnam machten wir ab Anfang März die ersten unangenehmen Erfahrungen. In Sehenswürdigkeiten mussten wir einen Mundschutz aufsetzen. Ein paar Tage später wurden wir auch auf der Straße darauf aufmerksam gemacht, dass wir bitte immer einen Mundschutz tragen sollen. Die erste Unterkunft sagte uns ab. Die Insel sei geschlossen – Coronavirus. Wir buchten um und stellten fest, dass unser Nachbarhotel unter Quarantäne stand. Leere Straßen, leere Lokale. Am Bootsanleger weit und breit kein Bootsfahrer. Kein Wunder, wir waren die einzigen Touristen.

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strandfamilie weltreise corona

Und dann begann es unangenehm zu werden. Einheimische sprangen erschrocken zur Seite, wenn wir vorbeiliefen und hielten sich die Nase zu. Die Menschen gingen uns aus dem Weg, versteckten sich in ihren Hauseingängen und beobachteten uns misstrauisch. Sie hatten Angst vor uns, den europäischen Touristen, die den Virus in ihr Land brachten. In Restaurants wurde vor dem Einlass Fieber gemessen. Später wurden Autos und Busse angehalten, jeder bekam Fieber gemessen. Überall gab es Desinfektionsmittel. Bevor wir bedient wurden, sollten wir die Hände waschen. Schließlich gab es eine App für alle Touristen, in der täglich der Gesundheitszustand gemeldet werden musste. Unter Angabe der Adresse. Ehrlich gesagt: ich will nicht wissen, was passiert, wenn ich dort Fieber ankreuze. Unsere Gastgeberin erzählte von einem Touristen in der Nachbarschaft, der vermutlich Corona hat: „they put him away“. Auf unsere Frage wohin – keine Antwort. Aber sie schaute unsicher. Und erklärte uns daraufhin, dass wir bitte nicht in die Stadt gehen sollten. Und außerdem sollten wir lieber jeden Tag zweimal Ingwertee trinken. „Good for health, against Corona Virus!“

Wären wir nicht bei Lan, unserer Gastgeberin in Hoi An gelandet, wäre unsere Reise wohl zu Ende. Der eigentliche Plan war: die Corona-Krise in Australien aussitzen. Gesetzlich gab es schon eine vorgeschriebene Selbst-Quarantäne. Vorsichtshalber schrieben wir mehrere AirBnB Hosts in Perth an, ob sie uns helfen könnten, die Quarantäne-Zeit zu organisieren. Tatsächlich antworteten fast alle prompt und positiv. Leidglich einer gab zu bedenken „Habt ihr die Wohnung gesehen? Zwei Wochen mit zwei Kindern dort werden euch verrückt machen“ 😉. So buchten wir eine Wohnung mit Terrasse, gaben eine Bestellung auf und erhielten mehrere Online-Bestellmöglichkeiten von unserem Host. Dann der nächste Schreck: Unser Flug nach Perth wurde gecancelt, da in Kuala Lumpur ein Umstieg geplant war und die Stadt jedoch einen Lockdown machte. Zum Glück fanden wir einen weiteren bezahlbaren Flug. Doch kaum hatten wir diese Nachricht verdaut, gab es die nächste Meldung in den Nachrichten: Australien schließt die Grenzen. Freitags abends um 21 Uhr. Wir würden aber erst wenige Stunden später landen. Somit war es dann aus mit unserem Australien-Traum.

Zum Glück konnten wir unseren Aufenthalt in Hoi An verlängern. Da Lan aus Angst vor einer Corona-Infizierung keine neuen Gäste aufnehmen möchte, können wir theoretisch so lange bleiben, wie wir dürfen. Unser Visum läuft in 1 ½ Wochen aus. Wie es dann weitergehen soll? Vermutlich ist es zu früh, dies zu planen. Wer weiß schon, was sich in den nächsten Tagen noch ändern wird…

Schon mehrfach habe ich über die sozialen Medien leichte Kritik erhalten, über unser Luxus-Problem. Selbstverständlich haben zurzeit alle ihre eigenen Sorgen. Jeder steht vor organisatorischen Meisterleistungen: Job, Homeschooling, das alltägliche Leben – nun begrenzt auf die eigenen 4 Wände. Dazu kommen vielleicht noch andere Dinge, wie Sorge um Kranke, Pflege von Angehörigen usw. Was ist mit den vielen Flüchtlingen? Um die sich keiner kümmert? Die nicht darauf hoffen können, dass ihr Land sie aus einer Krisensituation rettet? Weil in ihrem Land eine Krise herrscht? Krieg? Was ist mit all den Menschen, die verzweifeln, weil sie ihrem systemrelevaten Job nicht zu genüge nachkommen können? Die helfen wollen. Die verzweifelt beobachten, wie sich immer noch Freunde treffen und gemeinsame Zeit verbringen? Wir haben das alles verstanden. Aber unser Blog, unser Insta-Profil berichtet aus unserem Leben. Wir sind eine Familie auf Weltreise während einer Pandemie. Kein sozialkritisches Journal oder ähnliches. Und wir haben unser Leben in Deutschland vorrübergehend hinter uns gelassen. Für die Freiheit. Wir haben unser Haus verkauft und einen anderen Weg gewählt. Einen Weg, der sich für uns auch jetzt noch richtig anfühlt. Einen Weg, der nun aber durch Grenzschließungen und unsere Ängste auf eine harte Probe gestellt wird.

Eintrag vom 24.03.2020:

Die Strände werden immer leerer. Die letzten interkontinental Flüge verlassen Asien. Die Strandverkäufer sind verzweifelt. „Nunu“ sitzt auf meinem Liegestuhl und erzählt von ihren beiden Kindern, dass sie seit 9 Jahren ihren Schmuck am Strand verkauft und dass nun keine Touristen mehr da sind. Wie soll sie denn nun Geld verdienen? Natürlich erzählt sie dies, damit ich doch eine Kette kaufe. Allerdings kann ich gar nicht so viele Ketten tragen, wie es verzweifelte Strandverkäufer gibt. Bevor Nunu weiterzieht gibt sie mir noch folgenden Rat mit: „Stay here, dont go back, its safe here!“

Wir sind hier gestrandet. In dem Land, in dem ich auf keinen Fall stranden wollte. Scheinbar sollten wir Vietnam besser kennenlernen. Und das tun wir. Julian spielt mit dem Sohn unserer Gastgeberin Ball und Schach. Zwar hören sich die Unterhaltungen der beiden wie eine Vertonung von „Shaun das Schaaf“ an (nur ohne das Mähen), aber irgendwie klappt es dann doch. Wir kochen und essen gemeinsam. Wir lernen, dass es hier nicht nur Reis gibt. Gerade morgens wird ordentlich gefrühstückt. Nicht selten isst der Sohn unserer Gastgeberin Hamburger zum Frühstück. Dass wir jeden Morgen nur Bananen-Pancakes und Obst essen, findet Lan seltsam. Und durch uns hat sie zum ersten Mal rohe Paprika gegessen. Nach ihrem Gesichtsausdruck zu urteilen wird sie es nicht nochmal tun. Und ich denke auch nicht, dass sie uns nochmal Tofu-Suppe anbietet, die wiederum war für uns sehr fremd…

Aktuell kümmern wir uns um eine Verlängerung unserer Visa (weitere 4 Wochen). Um das Visum zu erhalten, müssen wir der Agentur unsere Reisepässe geben und erhalten sie erst in 7-10 Tagen wieder. Blödes Gefühl, so ohne Ausweise. Doch eine andere Möglichkeit gibt es nicht. Alle Grenzen ringsum sind dicht. Und ich muss zugeben, ich brauche ein paar Tage ohne Planänderungen. Ohne alles in Frage zu stellen. Also werden wir die nächsten zwei Wochen einfach weiterhin in Hoi An bleiben.

Eintrag vom 25.03.2020:

Seit über einer Woche sind wir in Hoi An. Außer Strand und Mini Markt haben wir gefühlt noch nix gesehen. Die ganze Welt entschleunigt, wir machen mit. So langsam kommt ein Alltag in unser Leben rein. Nach dem Frühstück lernen wir mit den Kids. Für Julian haben wir eh Unterrichtsmaterial dabei, zusätzlich werden wir von ganz lieben Eltern aus Deutschland mit dem aktuellen Homeschooling-Material versorgt. Bei Jonas sieht das etwas anders aus. Da er eigentlich die Klasse „wiederholen“ soll, haben wir bisher nicht nach Lehrplan gelernt, sondern nach „Bedarf und Interesse“. Da aktuell überhaupt nicht klar ist, wie lange wir weiterreisen können oder ob wir nicht bald zurück müssen, versuchen wir nun die letzten 2 Monate Unterrichtsinhalt etwas aufzuholen.

Mittags wird mit unserer Gastgeberin gekocht oder am Strand gegessen und anschließend am Strand relaxt. Während Julian mit seinem Bodyboard in den Wellen tobt oder mit den einheimischen Kindern Drachensteigen lässt, liegt Jonas stundenlag lesend auf der Liege. Unglaublich schön für uns zu sehen, wie gerne er liest, wenn er denn genügend Zeit dafür hat. Im Schulalltag war tagsüber keine Zeit und abends war er zu müde. Mittlerweile müssen wir ihn fast zwingen das Kindle wegzulegen!

Mein großer Wunsch war die Corona-Krise in Australien auszusitzen. Total naiv dachte ich, nach zwei Wochen Quarantäne könnten wir einfach an der einsamen Westküste einen Roadtrip machen. Menschlichen Kontakt hätten wir dort eh nur im Supermarkt, wo sollte das Problem sein? Tatsächlich ist es so, dass die Grenzen innerhalb Australiens ebenso geschlossen sind, rumreisen ist gar nicht richtig möglich. Außerdem haben die meisten Campgrounds geschlossen, woher also Frischwasser und Strom bekommen? Und das sind nur die ersten Konsequenzen, die uns aktuell einfallen. Somit war es wohl unser Glück, dass unser Flug in der letzten Minute gecancelt wurde!

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Eintrag vom 26.03.2020:

Eigentlich wollte ich heute ein paar ehrliche Worte über Homeschooling schreiben. Immerhin interessiert sich gerade ganz Deutschland dafür. Leider haben mir die Kids aber alle ehrlichen Worte verboten. Somit sollte klar sein, dass es nicht immer lustig ist…😉 Wir arbeiten noch an verschiedenen Strategien (mit Wochenplan, freie Einteilung, genaue Aufgabenstellung usw.), unsere Ideallösung haben wir noch nicht gefunden.

An unserem Strand hat die Schwester unserer Gastgeberin ein Strandlokal. Hier bekommen wir täglich neues Local-Food zum Probieren. Mark ist im Himmel und ich… naja.. ich guck ihm beim Essen zu. Ein paar Dinge finde aber auch ich super: zum Knabbern gibt’s immer gekochte Erdnüsse, Süßkartoffeln und Taro. Erstmal ungewohnt eine Schale mit Kartoffeln vor sich stehen zu haben, aber mittlerweile frag ich mich: warum haben wir denn nie abends einfach Kartoffeln vorm Fernseher gepellt? Neues Highlight für die Jungs ist der süße Hunde-Welpe „Coconut“. Der Hund gehört der Familie mit dem Strandlokal und somit purzelt er immer bei uns am Strand herum.

Während ich jetzt ein wenig an unserem Blog arbeite, ist Mark mit den Kids am Strand. Es ist 8 Uhr am Abend und die Jungs wurden heute zum Krebse fangen am Strand eingeladen! Also ehrlich, ein hoch auf AirBnB! In keinem Hotel hätten wir die Kultur des Landes so gut kennengelernt!

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Coconut, unser Strand-Welpe

Eintrag vom 28.03.2020

Vietnam reagierte von Anfang an mit schnellen Maßnahmen. Während Deutschland auf ewig viele Corona-Fälle wartete, ging das hier ratzfatz (die Schulen in Vietnam sind beispielsweise seit Anfang Februar geschlossen). Ab heute haben die Restaurants in Hoi An auch geschlossen. Es gibt neue Regeln. Wir erfahren diese über die Regierungsseite des Landes.

Grundsätzlich fühlen wir uns gut informiert. Nicht so heute. Nachdem wir morgens aus unserem Zimmer krochen, fuhr unsere Gastgeberin direkt mit uns in ein Krankenhaus. „For Corona-Test“. Auch auf Nachfragen ist mir unklar, warum wir das machen müssen. Neue Vorschrift? Will sie den Test? Will die Regierung den Test? Warum denn überhaupt jetzt sofort? Ohne Frühstück?

Im Taxi hängt das Schild, sich und andere zu schützen und den Mundschutz zu tragen, als wäre es bei der Produktion des Autos beeinhaltet gewesen. Angekommen bin ich mir dann unsicher: ist das ein Krankenhaus oder eine Arztpraxis? Andere Touristen sind auch vor Ort. Einheimische machen scheinbar keine Tests. Die Kinder fühlen sich unwohl. Wir fühlen uns unsicher. Warum sind wir hier?

Mark ist zu erst dran: Blutabnehmen, ein ungeheuerlich unangenehmer Rachenabstrich (wir haben alle mehrfach gewürgt) und schließlich ein Nasenabstrich, bei dem wir alle anfangen zu heulen. Tatsächlich war das Blutabnehmen am angenehmsten. Ich könnte heulen, ich sehe wie die Kinder sich durch die Tests quälen.

Ich schwanke sehr zwischen der vorbildlichen Maßnahme in Vietnam (wer von euch in Deutschland war schon bei einem Corona Test?), andererseits frage ich mich, warum nur wir den Test machen? Lan ist doch auch da? Und da wir täglich Zeit miteinander verbringen, wäre doch ein Test für sie genauso angebracht?

Liebes Leben, ich weiß nicht, was du uns als Menschheit gerade sagen willst. Ich hab ne Vermutung… Aber was du uns als Familie sagen willst, da bin ich völlig ahnungslos. Ich würde so gerne nie wieder über Corona schreiben, aber wie könnte ich? Wo der Virus uns doch täglich eine neue Belastungsprobe schickt?

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corona test vietnam mit kindern

Eintrag vom 30.03.2020

Alle Restaurants sind nun geschlossen. An den Strand sollen wir lieber auch nicht. Scheinbar war dort heute eine Frau mit Fieber und Husten. Sie wurde nun ins Krankenhaus gebracht. Auf die Frage, ob sie eine Touristin oder Einheimische sei, die klare Antwort „Sure, Tourist!“ Ich frage mich, ob unsere Gastgeberin die Statistik der Infizierten kennt. Der Eindruck verstärkt sich immer mehr, dass hier nur die Touristen als Gefahrenquelle angesehen werden.

Wir sollen lieber nicht in die Stadt, unsere Gastfamilie erledigt alles für uns. Sie kommt strahlend vom Markt „Was da alles los war!“ Kein Wunder. Der Markt hat vormittags von 5 bis halb 7 auf. Während dieser kurzen Zeitspanne gehen alle Einheimischen ihre Vorräte auffüllen. Täglich. Jeden Tag treffen sich also, geballt auf eine sehr kurze Zeitspanne, alle Einheimischen dort. Dank Corona finde ich das nicht toll, sondern höchst bedenklich!!

Auf Ihr Handy blickend fragt sie dann, wann wir den Corona-Test gemacht haben. „on the 28th“ antwortet Mark. Sie scrollt weiter auf ihrem Handy. Der 28. sei noch nicht dabei. Sie habe die Ergebnisse vom 26.3.. Unser Name wäre auch noch nicht verzeichnet. Wir haken nach, ob sie unsere Ergebnisse aufs Handy bekommen wird? Und welche Ergebnisse hat sie denn da? Sie hätte die Testergebnisse vom 26.3. gemailt bekommen. Alle. Unsere seien bestimmt morgen dabei. Wir sind keine super-duper Datenschutz-vernarrten Personen. Aber das erscheint uns dann doch seltsam.

Und während wir unsere „Quarantäne“ mit Lernen und heute ohne Strom verbringen, rennen die Einheimischen Kids lachend über die Straße. Menschen gehen spazieren, treffen sich. Besuch kommt vorbei. Ja, wir begrüßen die strengen Regeln der Regierung. Aber wie schön wäre es, wenn diese nicht nur für uns Touristen gelten würden! Und zack, sind die Sorgen wieder da. Wird dieses Land die Krise wirklich in den Griff kriegen? Mit der Einstellung, dass die Gefahr lediglich vom Touristen ausgeht und alle anderen ihr soziales Leben weiterführen?!?

 

Eintrag vom 31.03.2020

Manchmal hören sich unsere Texte sicher sehr kritisch an. Obwohl ihr besorgt die Nachrichten lest, werdet ihr sicherlich trotzdem mit eurer Familie lachen und spielen. So auch bei uns. Wir verbringen die Tage seilhüpfend und Schach spielend mit unserer Gastfamilie. Wir lachen und unterhalten uns.

Und ganz im Ernst, während ich teilweise echt gezweifelt habe, weil ich einfach nicht verstanden habe, WARUM das ausgerechnet in UNSEREM JAHR passieren muss, habe ich dennoch meinen Frieden mit der Situation geschlossen. Wer mich kennt, der ahnt vielleicht, dass ich diesen Frieden nicht durch Yoga oder Meditation gefunden habe. Auch kein bekannter Motivationsredner steht hinter diesem Wandel. Nee, besser: Michael Jackson war es😉.

Seitdem ich den „Earth Song“ und „Heal the world“ in Dauerschleife höre, ist alles ok. Es geht nämlich grade echt nicht um UNS. Blödes Timing, Pech gehabt. Da geht’s um was ganz Großes. Die ganze Welt ist betroffen. Und diese Erkenntnis hilft mir. Sie macht mich demütig. Ehrlich, wenn ihr irgendwie an der Situation verzweifelt: Hört Michael Jackson!

Dennoch geht unsere tägliche Abwägung natürlich weiter. Bleiben oder gehen? Und auch wenn uns das Thema unendlich nervt, wollen wir euch weiter auf unserem „Entscheidungsweg“ mitnehmen.

Ein Punkt, den wir bisher immer nur aus egoistischer Perspektive betrachtet haben, ist das Gesundheitssystem vor Ort. In der Nähe gibt es eine Privatklinik mit europäischen Standards. Hat uns bisher ein gutes Gefühl gegeben. Klar, bei steigender Überlastung gibt es keine Garantie, dass wir dort behandelt werden würden (wir reden ja nicht nur von Corona. Unfälle und andere Krankheiten pausieren ja nicht). Aber muss es denn tatsächlich sein, dass wir Touristen das wacklige Gesundheitssystem vor Ort zusätzlich belasten? Logisch, wir 4 machen den Bock nicht fett. Aber es schockiert mich, dass wir uns bisher nicht als zusätzliche Belastung für das System betrachtet haben.

Eintrag vom 01.04.2020

Unsere Corona-Testergebnisse sind da! Freudig zeigt unsere Gastgeberin uns die Ergebnisse auf ihrem Handy. Da stehen unsere Namen, zwischen vielen anderen Touristen und in der letzten Spalte etwas auf Vietnamesisch. „It’s negative!“ übersetzt sie uns. Cool, auch die anderen sind alle gesund. Mark grinst, als er mein Gesicht sieht. Scheinbar hat die DSGVO mich in Deutschland mehr geprägt als ihn…

Über uns zieht ein Helikopter seine Kreise. Die letzten Tage auch schon. Wir sitzen auf der Terrasse, hören vietnamesische Lieder und Lan flechtet mir einen Zopf (Da war ein gewisses Risiko dabei, ich hatte nämlich keine Ahnung, ob sie mir einen Zopf machen oder die Haare schneiden möchte 😉). Ich bin dankbar. Dankbar, dass wir diese Erfahrung machen dürfen. Dankbar, dass sie uns dieses sichere Zuhause bietet. Denn Zuhause ist jetzt immer da, wo wir gerade sind. Vielleicht sind wir noch viele Wochen hier. Vielleicht sind wir schneller als geplant wieder in Deutschland. Dass wir vielleicht in ein paar Wochen weiterreisen können, daran glauben wir leider nicht mehr. Und dankbar bin ich auch dafür, dass sie mir nur einen Zopf gemacht hat!

Eintrag vom 02.04.2020

Vor ein paar Wochen saß ich auf der Dachterrasse eines Hotels und sagte voller Vertrauen „Wir leben in einem Land, welches uns einfach den Arsch retten würde! Obwohl wir auf eigene Verantwortung verreisen, würde Deutschland uns wieder aus einer Notsituation holen und zurückbringen!“ Vor ein paar Tagen saß ich auf dem Liegestuhl vorm Haus und kommentierte einen Beitrag mit „wir würden das alles dann doch lieber hier aussitzen!“ Und jetzt sitze ich (natürlich Michael Jackson hörend) auf dem Boden und tippe diese Zeilen. Es gibt einen Rückholflieger von Vietnam nach Deutschland. Ob es einen weiteren geben wird, weiß ich nicht und ich bezweifle es.

Das ist dieser Moment, in dem Deutschland bereit ist, uns den Arsch zu retten. Mein Hirn ruft immer zwischen rein „In Vietnam gibt es viel weniger Fälle und strengere Maßnahmen!“. Und während Michael Jackson heult, dass die Erde weint, versuche ich zu begreifen, vor was ich Angst habe. Ich erinnere mich an den Tag, als wir morgens zum Corona-Test gescheucht wurden. Ohne Vorankündigung. Jetzt. Als ich meine ängstlichen Kinder auf der Bank sitzen sah und nicht wusste, ob ich hier aus Willkür sitze oder eine Vorschrift befolge. Und selbst wenn es eine Vorschrift war, war es nicht doch Willkür? Nur die Touristen? Und dieses Gefühl, dass wir von Beginn an in Vietnam hatten. Wir, die Touristen seien Schuld daran, dass sich Corona in Vietnam verbreitet. Was passiert, wenn sich die Lage zuspitzt? Wenn die Angst der Bevölkerung steigt? Unsere Gastgeberin kümmert sich liebevoll um uns. Aber auch sie will ihren Sohn beschützen, oder warum sonst hat sie uns auf schnellstem Wege ins Krankenhaus gebracht? Ohne, dass wir unsere Kinder darauf vorbereiten konnten, was denn gerade passiert? Wie wird sie reagieren, wenn die Angst zunimmt?

Angst ist immer ein beschissener Ratgeber. Und irgendwie macht mir dieser Rückholflieger Angst. Er sagt „Entscheide dich jetzt. Komm mit oder lass es. Aber wenn du deine Entscheidung getroffen hast, dann heul nicht, wenn sie dir dann doch nicht gefällt!“

Eintrag vom 03.04.2020

Wir sitzen im Zug nach Hanoi. Die längst überfällige Entscheidung ist getroffen: Wir fliegen nach Hause. So viele liebe Nachrichten haben uns in den letzten Tagen erreicht. Menschen, die sich Sorgen um uns machen. Viele Gedankenanstöße und ehrliche Worte. Dafür sind wir sehr dankbar!

Es gibt in den nächsten Tagen einen Rückholflug vom Auswärtigen Amt nach Deutschland. Diesen werden wir nutzen. Es gibt zu viele offene Punkte, wenn wir in Vietnam bleiben. Das schlimmste was uns passieren kann, wenn wir zurück in Deutschland sind: Alle Grenzen öffnen sich. Was ja an sich so viel Positives bedeuten würde. Dementsprechend könnten wir auch damit leben und einfach wieder starten.

Ist unsere Reise jetzt zu Ende? Nein, wir werden weiterreisen. Wann, wie und wohin ist nicht planbar. Die Welt darf sich neu sortieren, danach starten wir neu.

Eintrag vom 07.04.2020

Wir sind zurück in Deutschland!

Vor ein paar Tagen haben wir uns für den Rückholflug des Auswärtigen Amtes registriert. Dann ging alles ziemlich schnell: wir reisten mit dem Zug von Da Nang nach Hanoi (17 Stunden im Nachtzug), übernachteten eine Nacht im Hotel in Hanoi (die Botschaft informierte darüber, wo wir Touristen noch aufgenommen werden) und konnten schließlich gestern in unseren Rückholflieger einsteigen.

Etwas Sorgen hatten wir, wie wir die kurzen Fahrtstrecken (z.B. vom Hotel zum Flughafen) überbrücken sollten, denn offiziell ist in Vietnam die Personenbeförderung ausgesetzt. Trotzdem fanden wir irgendwie immer einen Fahrer, der uns zum Bahnhof oder an den Flughafen brachte. Außerdem wurden wir von der Botschaft mit einem „Passagierschein“ ausgestattet, welchen wir hätten vorzeigen können, hätte die Polizei uns aufgehalten.

Angekommen am leeren Flughafen in Hanoi, fanden wir direkt unseren „Schalter“. Lediglich zwei andere Flüge standen noch für den gesamten Abend auf der Anzeigetafel. Im Flughafen selbst liefen viele Reisende in Ganzkörper-Schutzanzügen herum. Auch im Flugzeug später war die gesamte Crew in diesem gewöhnungsbedürftigen Outfit gekleidet.

Die Mitarbeiter der deutschen Botschaft checkten, ob wir auf der Passagierliste standen und teilten Zettel zur Kostenübernahme aus. Wir sind sehr dankbar, dass das Auswärtige Amt die Rückholflüge organisiert hat. Durch gecancelte Flüge (für die man dann Gutscheine bekommt), hatten wir und viele andere Touristen weltweit gar keine andere Möglichkeit mehr zurück nach Deutschland zu kommen. In Asien gab es noch Möglichkeiten für uns zu reagieren, vor allem jedoch in Südamerika wurde alles von heute auf morgen gesperrt!

Die Kosten des Fluges sind uns noch unbekannt. Im Nachhinein werden wir eine Rechnung hierfür bekommen. Am Flughafen herrschte eine gute Stimmung. Man konnte die Erleichterung der Mitarbeiter der Botschaft spüren. Was eine Aktion des Auswärtigen Amtes! Eine sehr nette neuseeländische Familie, die wir zuvor in Laos kennenlernen durften, berichtete uns per WhatsApp, deren Regierung hätte sie per Mail gebeten zurück ins Land zu kommen. Wer dem Aufruf nicht nachkam, hat nun Pech gehabt. Niemand darf mehr einreisen.

Am Flughafen wurden so viele Fotos gemacht. Von uns Reisenden, viele mit geplatzten Träumen. Von den Flughafenmitarbeitern, ungläubig wie leer der Flughafen war. Von den Mitarbeitern der Botschaft. Die Bilder, die diese Zeit festhalten: Ein Virus, das die gesamte Welt lahmlegte. Von einer Regierung, die sich dafür einsetzt, seine Bürger nach Hause zu holen. Von einem Flieger, der Europäer zurückbringt. Ich hatte nicht nur einmal Tränen in den Augen. Nicht weil unsere Reise hier erstmal endet (oder pausiert). Es waren Tränen der Rührung. Ich war schon immer ein großer EU-Fan. Jetzt noch mehr. Mein europäisches Herz klopf nochmal stärker.

Bevor wir in den Flieger einstiegen, hielt der deutsche Botschafter noch eine Ansprache. Über die Besonderheit dieses Fluges. Die Mitarbeiter der Airline verbeugten sich vor uns (vielleicht machen sie das ja immer, aber mir ist es zum ersten Mal aufgefallen…), überall war greifbar, dass dies ein besonderer Flug war, hinter dem ein enorm großer Arbeitsaufwand von vielen stand. Für uns.

Von Hanoi flogen wir nach Saigon, um weitere Deutsche (vereinzelt auch andere Europäer) einzusammeln. Und dann ging es weiter nach Frankfurt. Insgesamt waren wir 16 Stunden im Flugzeug. In Frankfurt entließ uns das erleichterte Bordpersonal (mit Vietnam-Stickern auf den Anzügen und der Schutzbrille) auf unseren Heimatboden. Unkomplizierte Einreise, Formblatt zum Corona-Virus und los in die Welt (Nachtrag: Ein paar Tage später gab es dann eine Quarantäne-Anweisung für alle neuen Rückkehrer). Seltsam für uns. Keiner fragt wohin wir gehen. Niemand misst Fieber.

Wir sind jetzt bei meinen Eltern im Haus. Haben dort eine Dreizimmer-Wohnung mit Küche und Bad. Es ist zu früh für neue Pläne. Wir sind erleichtert über unsere Entscheidung zurück nach Deutschland zu kommen. Gerade ist nicht die Zeit zum Reisen. Glücklich sind wir trotzdem.

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Dieser Beitrag hat 4 Kommentare

  1. Jochen

    Lasst es Euch bitte gut gehen und achtet auf Euch!

    Grüße
    Jochen

    1. Mark

      Wir achten gut auf uns. Vitamine, Sport und Kontakt quasi nur zu zwei Menschen (außer uns selbst) geben uns ein sehr gutes Gefühl.

  2. Jochen

    Willkommen in der Heimat.
    Ich finde es gut wie positiv ihr an die Sache geht und euch da nicht reinreden lasst!

    1. Mark

      Danke! Das war für uns eine ziemlich gefühlsintensive Zeit. Da aber die kommenden Maßnahmen in Vietnam für uns einfach nicht einschätzbar waren, fühlen wir uns zurück in Deutschland doch wohler! Liebe Grüße Jenni

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