Freilernen – Wie sich unsere Kinder Bildung erschließen

Freilernen – Wie sich unsere Kinder Bildung erschließen
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Ich muss zugeben: Vor unserer Weltreise hatte ich keine Ahnung, was Freilernen bedeutet. Ich hatte schon von Familien gehört, die ihre Kinder nicht in eine Regelschule schicken wollten, hatte dort aber immer eher im Hintergrund Schulprobleme vermutet. Ich sah diese Geschichten, die man auch in den Sozialen Netzwerken nachlesen kann: Von Familien, die dann nach vielen harten und leidvollen Erfahrungen, hĂ€ufig nach vielen GesprĂ€chen mit Psychologen und oft einer ADHS-Diagnose fĂŒr das Kind entscheiden, dass sie einen anderen Weg gehen möchten.

Das waren wir nie. Wir sind alle gerne in die Schule gegangen und es gab fĂŒr uns keinen Grund, das Schulsystem zu hinterfragen. Ja, wir haben auch immer mal geschimpft, wie viel Schulwissen man ĂŒber die Zeit doch vergisst. Bei den Hausaufgaben sind TrĂ€nen gelaufen und unter der Klassenarbeit standen nicht nur Top-Noten.

Ein paar Anregungen zur Optimierung der schulischen Bildung hĂ€tten wir schon gehabt, aber das ganze System in Frage stellen? Die Schule verweigern? Uns aus Deutschland abmelden, um der Schulpflicht fĂŒr unsere Kinder zu entgehen? Erst durch unsere Reise haben wir das Freilernen kennengelernt.

In diesem Text möchten wir euch unsere Gedanken zum Freilernen mitteilen. Einer Familie mit guten Erfahrungen im klassischen Schulsystem und den ersten BerĂŒhrungen eines Freilerner-Alltages.

WĂ€hrend beim Homeschooling oder auch im Schulunterricht Themen nach einem vorgefertigten Lehrplan erarbeitet werden, steht Freilernen fĂŒr ein selbstbestimmtes Lernen. Zeitlich und rĂ€umlich ungebunden. Beim Freilernen steht das eigene Interesse im Mittelpunkt. Familien, die vom Freilernen – oder Unschooling – ĂŒberzeugt sind, berichten immer wieder, dass sie durch das Leben selbst lernen. Nicht nur ĂŒber Hefte und BĂŒcher, sondern meist in der Natur und im Alltag. Durch ein gemeinsames Zusammenleben, aber auch durch die Entfaltung der eigenen Interessen.

Als Freilerner vertraut man darauf, dass der Mensch neugierig ist und lernen möchte. Aus eigenem Antrieb. Es gibt keine Vorgabe, dass Kinder mit 6 Jahren lesen lernen mĂŒssen. Die passenden Hilfsmittel und UnterstĂŒtzungen werden angeboten, sobald das Kind das Verlangen spĂŒrt, dieses Geheimnis zu ergrĂŒnden.

GrundsĂ€tzlich sollte ein freilernendes Kind nicht von den Eltern in eine gewisse Richtung gelenkt werden, jedoch werden selbstverstĂ€ndlich Impulse geliefert (Besuche in BĂŒchereien, Museen, Theater etc.). Auch erfolgt keine Wertung. Stundenlanges aus dem Fenster schauen und die Umwelt betrachten ist genauso in Ordnung, wie lesen, freispielen oder draußen toben.

Freie Entfaltung - Lernen nach Interessen

In den GrundsĂ€tzen begeistert mich die Idee des Freilernens. Jedes Kind hat seine eigene Geschwindigkeit. Der eine liest schon vor der Schulzeit, der andere entdeckt die Bedeutung des Lesens erst spĂ€ter fĂŒr sich. Der eine liebt es, Geschichten zu lauschen und schön klingende Wörter zu benutzen, der andere sieht Buchstaben nur als Quelle, um Wissen zu entschlĂŒsseln. Die Interessen sind höchst unterschiedlich und eine individuelle Förderung unschlagbar.

Doch was ist, wenn das aktuelle Interesse aus „Serien schauen“ und an der „Spielkonsole zocken“ besteht? Auch dies ist ja ein Lernprozess. Selbst wenn die Serie uns noch so oberflĂ€chlich erscheint, so werden wir doch in eine ganz andere Welt mitgenommen. Erleben Empathie, wĂ€gen ab, versetzen uns in das Abenteuer und erfahren Dinge aus einer anderen Galaxie, einem anderen Land oder was auch immer. Schauen wir gemeinsam Fernsehen, staune ich immer wieder, was unsere Kinder wahrnehmen. Wir sehen den gleichen Film, aber wĂ€hrend ich die GefĂŒhle der Protoganisten interpretiere, achtet Jonas auf rĂ€umliche Kleinigkeiten, Mark sucht nach wirtschaftlichen GrĂŒnden fĂŒr die Geschehnisse und Julian versucht vorherzusagen, wie die nĂ€chsten Handlungsschritte sind. Genauso ist es mit dem Zocken auf der Spielkonsole. Auch dort werden FĂ€higkeiten trainiert. Logisches und rĂ€umliches Denken, mit Materialen wirtschaften, Errechnen wie viele Spielpunkte zum nĂ€chsten Level fehlen, Motorik und Reaktionsgeschwindigkeit, usw.

Nicht alles muss den Stempel „pĂ€dagogisch wertvoll“ tragen. Aber ich muss auch zugeben, dass ich auf Dauer nicht gewillt bin, dass meine Kinder den ganzen Tag vor dem TV sitzen und nein, ich möchte es nicht ausreizen und warten, bis sie von sich aus die GerĂ€te abschalten. Ich sehe hier FÜR UNS also tatsĂ€chlich Grenzen des Freilernens. Die aber eigentlich im krassen Gegenteil der Überzeugung stehen: denn sollte die freie Entfaltung des Freilernens nicht grenzenlos sein?

Lernen ohne Vergleiche

Keine Noten, welche unsere Kinder unter Druck setzen. Dieses Prinzip kennen wir aus der Grundschule (unsere Kinder bekamen dort erst in der 4. Klasse Schulnoten). Viele von uns können sich vielleicht noch an das beschĂ€mende GefĂŒhl erinnern, wenn wir eine schlecht benotete Arbeit zurĂŒckbekamen und der Nachbar strahlend fragte: „Ich hab eine 1, und du??“

Keine Noten, die motivieren. Jeder Mensch ist anders. Druck bedeutet fĂŒr den einen Belastung, der andere fĂŒhlt sich angespornt und gibt alles. Wie beim Endspurt im Sport, um den LĂ€ufer vor mir noch schnell einzuholen.

Keine Noten, um zu Vergleichen. Ich, die hier diesen Text schreibt, hatte große Bedenken, da es an der Grundschule unserer Kinder erst ab der 4. Klasse Schulnoten gab. Ich wollte einen Notenschnitt. Wollte wissen, wo genau mein Kind steht. Hatte keine Ahnung, welche Entwicklung „normal“ ist und suchte einen Leitfaden, der mir bestĂ€tigt: Alles super. Eine Schulnote an sich hatte in meinen Augen wenig Bedeutung, wenn ich sie nicht im Klassenvergleich sehe.

Der Vergleich mit anderen kann Kindern helfen. Uns Eltern eher selten. Er verunsichert, macht Angst, und wenn der Vergleich uns stolz macht, können wir sicher sein, dass genau dieser Vergleich aber negative GefĂŒhle bei anderen Eltern auslöst.

Beim Freilernen gibt es keine Messlatte. Keinen Leistungsdruck. Wenn wir dies denn hinbekommen. Denn dazu gehört schon eine gehörige Portion Selbstbewusstsein und Überzeugung. FĂŒr die Eltern. Wir mĂŒssen unserem Umfeld standhalten, unsere Überzeugung vom Freilernen gut argumentieren können und dĂŒrfen uns nicht zum stĂ€ndigen Vergleich verleiten lassen. Ich muss sagen: mir gelingt das nicht immer.

Auch ohne Schule und Noten vergleiche ich immer wieder. Unbewusst. „Wahnsinn, wie gut sich der Fabian in Erdkunde auskennt!“ und am nĂ€chsten Tag, in einem passenden Moment, frage ich ganz scheinheilig meine Kinder ab: „Ich krieg gerade gar nicht alle deutschen BundeslĂ€nder zusammen. Könnt ihr mir mal helfen??“. Ich sehe auf Instagram, wie eine mir völlig unbekannte Familie in der Natur BĂ€ume und StrĂ€ucher fehlerfrei benennt und stelle fest „Oh Gott, ich kenne diese Pflanzen nicht – also kennen die meine Kinder auch nicht!!“, krame im Regal und packe das Naturkundebuch fĂŒr den nĂ€chsten Ausflug ein.

Keine Schulnoten zu haben, bringt viele Vorteile mit sich – fĂŒr einige Kinder.

Keine Schulnoten zu haben, bringt viele Nachteile mit sich -fĂŒr einige Kinder.

Keine Schulnoten bringen nur  Vorteile – fĂŒr uns Eltern. Keine Schulnoten zwingen uns nĂ€mlich dazu, genauer hinzuschauen. Nicht zu werten, sondern zu beobachten und gegebenenfalls zu unterstĂŒtzen.

Verstehen. Nicht auswendig lernen.

Was wir mit Begeisterung lernen, was wir uns selbst erarbeiten, was wir aufsaugen, recherchieren, hinterfragen, begreifen und erleben, dieses Wissen bleibt. Wie viel Schulwissen haben wir uns wĂ€hrend der Schulzeit fĂŒr eine Arbeit in den Kopf gepaukt und letztendlich dieses Wissen nie wieder benötigt? Welch ein GlĂŒck, dass wir es nie wieder benötigt haben, es ist ja nicht mehr da
 Beim Freilernen wird keine Zeit fĂŒr Speichern von Wissen „verschwendet“, dessen Sinn sich fĂŒr das Kind nicht erschließt. Kinder haben so die Möglichkeit, intensiv an einem Thema zu arbeiten, welches sie wirklich interessiert.

Dies bringt mich zu einer Buchempfehlung: „Das neue Lernen: heißt Verstehen*“. Der Autor und Hirnforscher Henning Beck erklĂ€rt einfach und verstĂ€ndlich die Lernprozesse im Gehirn. Wie wir lernen und wie sich dieses Wissen auch dauerhaft festigt. Bei meiner Suche nach einem Buch zum Thema „Lernen“ musste ich voller Entsetzen feststellen, dass der Großteil der BĂŒcher sich damit beschĂ€ftigt, wie man effektiv und schnell Informationen fĂŒr die nĂ€chste Klassenarbeit ins Hirn pumpt. FĂŒr gute Noten. Bulimie-Lernen nennt sich das Ganze. Da wird einem tatsĂ€chlich schlecht von.

Nicht so das Buch „Das neue Lernen: heißt Verstehen*“. FĂŒr mich ist dieses Buch ein PlĂ€doyer fĂŒrs Freilernen. Es handelt darum, wie sinnvoll Allgemeinbildung ist. Wissen aufzubauen und zu verknĂŒpfen. Ein Weltversteher zu werden.

Henning Beck zeigt Lernmethoden auf, die helfen, effektiver zu verstehen, anhand von Beispielen aus der Forschung und Wissenschaft. Er fordert uns auf, uns mit dem Problem zu beschÀftigen, Lösungen zu suchen und erst im Anschluss den Lösungsweg nachzuschlagen.

Ein tolles Handbuch fĂŒr Eltern, die Ihre Kinder unterstĂŒtzen möchten, sich selbst Wissen aufzubauen und fĂŒr alle Lernenden, denen es darum geht, Ihren Horizont zu erweitern. Denn, ich zitiere den Autor: „Wer nichts weiß, kann auch nichts verstehen“.

Buchtipp: André Stern - ...und ich war nie in der Schule

Was ich an vielen Freilerner-BĂŒchern nicht mag? Die Verteufelung des Schulsystems. Unterschwellig reißen den Autoren immer wieder alte Wunden aus der Schulzeit auf und fĂŒhren dazu, dass Freilernen und der schulische Bildungsweg verglichen werden.

Dies gibt es bei AndrĂ© Stern nicht. Es gibt keine schlechten schulischen Erfahrungen. Er hat nĂ€mlich gar keine Schulerfahrung. AndrĂ© Stern wuchs in einem liebevollen, unterstĂŒtzenden Umfeld auf. Mit Eltern, die ihn förderten, jedoch nie (ĂŒber-)forderten.

AndrĂ© Stern wurde nie gedrĂ€ngt lesen oder schreiben zu lernen. Er erhielt Impulse durch sein Umfeld. Durch das ganz normale Leben. Wissbegierig saugte er das Leben auf und lernte ganz selbstverstĂ€ndlich aus reiner Neugierde und reiner Begeisterung.  Er hat nie eine Schule besucht und ist vermutlich gebildeter als ein Großteil derer, die jahrelang zur Schule gingen.

Das Buch „
und ich war nie in der Schule*“ von AndrĂ© Stern erzĂ€hlt seine Lebensgeschichte. Wie er sich ausleben und verwirklichen durfte. Von seinen Eltern, die eine unerschĂŒtterliche Zuversicht ins Leben und ein Urvertrauen auf den Verstand besitzen. Dieses Buch ist eine PflichtlektĂŒre fĂŒr alle, die sich die Frage stellen „Wie funktioniert Freilernen?“. Das Buch „
und ich war niemals in der Schule“ gibt eine Antwort auf diese und viele weitere Fragen. Eine Antwort – nicht die Antwort. Denn AndrĂ© Stern weiß: jeder von uns geht seinen eigenen Weg. Es gibt keine pauschal richtige Antwort.

Kein PlĂ€doyer fĂŒrs Freilernen

Dies ist kein PlĂ€doyer fĂŒrs Freilernen. Dies sind meine Gedanken zum Freilernen. Teils kritisch. Teils ĂŒberzeugt.

Ich sehe Grenzen. Mir fehlt die Gruppendynamik, welche in einem Klassenraum entstehen kann. Mir fehlen die Erfahrungen und lustigen Erlebnisse, die Kinder wĂ€hrend eines Schulbesuchs machen können. Das GefĂŒhl des Klassenzusammenhaltes.

Ich spĂŒre Grenzen. Meine eigenen. Wir tragen die alleinige Verantwortung fĂŒr die Bildung unserer Kinder. Meist fĂŒhle ich mich wohl dabei. Oft stimmt mich dies euphorisch, da wir uns so intensiv mit verschiedenen Themen beschĂ€ftigen können. Manchmal macht es mir aber auch Angst.

Ich ĂŒberschreite Grenzen. Immer wieder. Gerade wenn die Angst kommt. Diese Grenzen und Blockaden in meinem Kopf sind durch das Schulsystem entstanden. Werte und Normen, an die ich nicht glaube, die jedoch immer wieder hochkommen. Es tut mir leid, dass ich diesen ehemaligen Leitsatz einer Großbank zitieren muss, aber ich glaube an „Leistung aus Leidenschaft“! Lernen aus purer Neugier, mit grenzenlosem Interesse. DafĂŒr brauchen wir kein SchulgebĂ€ude. Keinen Lehrplan. Auch wenn genau das der „kleinste gemeinsame Nenner“ ist, auf den man seinerzeit das deutsche Schulsystem gebracht hat.

Die Welt ist unsere Schule

Und sind wir jetzt Freilerner? Im eigentlichen Sinne des Freilernens nicht.

Immer wieder gibt es Phasen, in denen wir mit Schulheften arbeiten. Unsere Kinder lernen mathematische Grundlagen und Rechtschreibung. RegelmĂ€ĂŸig trainieren wir alle zusammen Kopfrechnen. Der Rahmenlehrplan des Kultusministeriums wird regelmĂ€ĂŸig durchblĂ€ttert, wie ein Katalog, von dem wir uns inspirieren lassen.

Wir sind eine Reisefamilie. Die Welt ist unsere Schule. Wir lernen den Buddhismus in Thailand kennen. Wandeln auf römischen Spuren im Kolosseum oder in Pompeji und staunen ĂŒber die Wand- und Deckenbemalung in der Sixtinischen Kapelle. Im Archimedes Museum lernen wir Hebelgesetze und dank Da Vinci sprechen wir ĂŒber das letzte Abendmahl. Wir beobachten Wale in Island und hören stundenlang HörbĂŒcher ĂŒber die nordischen Götter. Wir lernen das, was die Welt uns vor die Nase setzt. Wir hinterfragen, besuchen Museen und wandern durch die Natur.

Bildung ist so individuell wie jeder Lernende selbst. Keiner sagt, dass unser Weg besser ist als ein anderer. Sollten wir uns irgendwann wieder fĂŒr ein Leben in Deutschland entscheiden, wird sich zeigen, wie der Wiedereintritt unserer Kinder in das Schulsystem klappt.

Was sind eure Gedanken zum Freilernen? Wir freuen uns ĂŒber einen Austausch in den Kommentaren!

Weitere BlogbeitrÀge zum Thema "Lernen" und "Bildung":

Im Februar 2020 starteten wir unsere Weltreise mit einer 1-jĂ€hrigen Schulbeurlaubung fĂŒr unsere Jungs. Im Blogbeitrag „Schulbeurlaubung fĂŒr die Weltreise“ erzĂ€hlen wir euch unsere Vorgehensweise, um die Schulbeurlaubung zu erhalten und die Vorbereitungen zum Homeschooling.

Im Artikel „Lernen auf Reisen – Homeschooling mal anders“ geben wir euch einen Einblick, wie das Lernen auf Reisen bei uns so funktioniert. Gerade im ersten halben Jahr unserer Reise fand in unseren Köpfen der Prozess von „Lernen nach Plan“ zum „Travelschooling“ statt. Im RĂŒckblick „Unsere Weltreise – die ersten 6 Monate“ erzĂ€hlen wir euch davon.

Weitere Artikel fĂŒr Lern-Ideen:

 

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